Starfish at the beach

Gefühlt war gerade eben erst Januar und schon nähert sich mit großen Schritten das Jahr 2020 wieder dem Ende. Ein Jahr, das sicherlich nicht wenige von uns als anstrengend, frustrierend und auch von Existenzängsten geprägt wahrgenommen haben. Aber auch ein Jahr, in dem wir alle gemeinsam viel über neue Wege der Zusammenarbeit gelernt haben und dabei Dinge möglich wurden, die wir früher für nicht machbar gehalten haben.

Irgendwie schreit so ein Jahresende ja danach, Bilanz zu ziehen. Im persönlichen Bereich, aber auch beruflich. Um dabei nicht im Jammertal über das herausfordernde 2020 zu versinken, ist es jedoch entscheidend, welchen Blickwinkel wir dabei einnehmen. Genau dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, die ich vor ein paar Jahren als Mitglied eines Softwareentwicklungsteams erlebt habe.

Unser Projekt lief damals – wie ja leider viele Softwareprojekte – nicht so richtig rund. Es gab technische Probleme, der Zeitplan passte nicht zu dem gewünschten Anforderungsumfang, Hindernisse ließen sich nicht beseitigen und die Stimmung im Team war schlecht. Eines Nachmittags starteten wir in die x-te Retrospektive am Ende einer Iteration, die wir wie immer mit dem Format „Mad-Glad-Sad“ durchführten.

Das Format ist vielen sicherlich bekannt – falls nicht, ist es schnell erklärt. Der Moderator teilt ein Whiteboard o. ä. in drei Abschnitte, die jeweils eine der Fragen behandeln:

  • „Mad“: Was hat mich während der letzten Iteration wirklich wütend gemacht?
  • „Glad“: Worüber habe ich mich in der letzten Iteration sehr gefreut?
  • „Sad“: Was hat mich in der letzten Iteration traurig gestimmt?

Die Teilnehmer der Retrospektive sammeln dann (üblicherweise auf Post-Its) ihre ganz persönlichen Antworten auf diese drei Fragen (siehe Abbildung 1). Mit den Ergebnissen aus diesem schriftlichen Brainstorming kann dann in darauffolgenden Retrospektiven-Phasen weitergearbeitet werden.

Mad-Glad-Sad Skizze

Abbildung 1: Läuft bei uns. Bergab und rückwärts, aber läuft…

An diesem Nachmittag kam es wie es kommen musste: In der „Glad“-Rubrik herrschte eine ziemliche Leere, dafür türmten sich die Zettel bei „Mad“ und „Sad“.  In der Diskussion der Punkte herrschte die Überzeugung, dass wir eh nichts ändern können und die Energie war am Ende des Termins komplett im Keller. Schlecht gelaunt gingen wir in den Feierabend.

Auf dem Weg nach Hause schwor ich mir: „So eine Jammer-Retrospektive mache ich nicht wieder mit. Entweder wir ändern was oder ich lasse das Meeting das nächste Mal sausen“.

Am Wochenende durchforstete ich den Retromat[1] und las das Buch „Agile Retrospectives“ von Esther Derby und Diana Larsen ein weiteres Mal. Dabei stieß ich auf das Retrospektiven-Format, das ich seitdem am liebsten mag: „Start-Stop-Continue“, manchmal auch „Small Starfish“ genannt.

Bei dieser Methode arbeiten die Teilnehmer mit folgenden drei Kategorien:

  • Start: Womit möchten wir in der nächsten Iteration beginnen, was möchten wir unbedingt ausprobieren?
  • Stop: Was hat in der letzten Iteration nicht gut funktioniert, was war destruktiv, womit möchten wir aufhören?
  • Continue: Was ist gut und kann so bleiben, was sollten wir auf jeden Fall weitermachen?

Wie bei „Mad-Glad-Sad“ sammeln alle dazu auf Post-Its o. ä. die für sie relevanten Punkte. Der Name „Small Starfish“ rührt daher, dass diese Kategorien üblicherweise in Sternform angeordnet werden (siehe Abbildung 2).[2]

Drawing of Small Starfish Retrospective

Abbildung 2: Bestehendes würdigen und Pläne schmieden mit dem kleinen Seestern

Der Kollege, der sich damals um die Moderation der Retrospektiven kümmerte, war leicht zu überzeugen, „Start-Stop-Continue“ in der nächsten Retro auszuprobieren. Zwei Wochen später waren einige Teamkollegen allerdings zuerst irritiert, als ich das neue Vorgehen vorstellte. „Das ist aber schwierig!“ oder „Können wir nicht wieder Mad-Glad-Sad machen?“ waren die ersten Reaktionen.

Als sie sich dann darauf einließen, dauerte das schriftliche Brainstorming zwar zunächst etwas länger als gewöhnlich, aber dann geschah etwas Spannendes: Die Energie im Raum begann sich langsam zu ändern. Wo wir uns früher vor allem mit Negativem beschäftigt hatten, fingen wir plötzlich an, positive Aspekte wertzuschätzen und konkrete Änderungsideen für die Zukunft aufzuschreiben. Wo wir früher vor allem „das Management“ für den schlechten Zustand des Projektes beschuldigt hatten, fingen wir plötzlich an, nach kleinen Dingen zu suchen, die wir in Eigenverantwortung verbessern konnten. Wir konzentrierten uns nicht mehr auf die negativen Themen, an denen wir nichts ändern konnten, sondern auf das, was wir aktiv tun konnten. Gut gelaunt und voller Tatendrang gingen wir alle nach der Retrospektive nach Hause.

Warum aber schreibe ich gerade jetzt diese kleine Geschichte auf? Das Format „Start-Stop-Continue“ ist in der agilen Szene doch seit Jahren bekannt und beliebt. Damit kann man doch niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken. Ich glaube aber, dass die Geschichte trotzdem gerade jetzt wichtig ist, weil uns eine Situationsanalyse mit „Start-Stop-Continue“ auch in der aktuellen Situation enorm weiterhelfen kann.

Es gibt momentan Dinge, die wir vielleicht nicht beeinflussen können. Aber es gibt auch Vieles, das wir gestalten können und wie so oft auch „Gutes im Schlechten“ in der Corona-Pandemie. Ich habe mich zum Beispiel seit Jahren nicht mehr so gesund ernährt und so viel an der frischen Luft bewegt, wie in den letzten Monaten. Das möchte ich auch im nächsten Jahr auf jeden Fall beibehalten. Loslegen möchte ich nächstes Jahr damit, mich um die Gründung einer UG oder GmbH gemeinsam mit meinem Mann Michael Herrmann zu kümmern.

Und wie sieht euer „kleiner Seestern“ für 2020 aus? Was möchtet ihr beibehalten, was aufgeben und womit möchtet ihr nächstes Jahr gerne loslegen? Schreibt es mir gerne in den Kommentaren.

Ich wünsche uns allen eine schöne Weihnachtszeit voller Zuversicht und Dankbarkeit und dass wir trotz der oft großen Unsicherheiten der letzten Monate das Pläneschmieden und Gestalten nicht verlernen!


[1] Eine richtig tolle Website mit vielen Ideen für erfolgreiche Retrospektiven, zu finden unter https://retromat.org/de/?id=107-54-25-72-120.

[2] Es gibt auch noch einen „normal großen“ Seestern, für den ihr im Retromat unter https://retromat.org/de/?id=49 eine Beschreibung findet.

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